Donnerstag, 28. April 2011

Hier ist die Zentrale des Teufels...

...der Herr hat's mir bestätigt.

Die Worte waren laut und überdeutlich artikuliert. Dem Mann lag daran, gehört und verstanden zu werden. Ich saß in der Straßenbahn der Linie 12 mit dem Rücken zur Tür und fand den lauten Spinner des Umdrehens nicht wert. Ich hatte auf dem Nachhauseweg angefangen "Wenn man einen weißen Anzug anhat" von Max Goldt zu lesen und dachte mir jetzt, einen weißen 'Anzug' könnte dieser Freak auch gebrauchen.

Unterbrochen hat mich der Botschafter Gottes am Friedberger Platz. Noch bevor er eingetreten war, hörte man seine Klage:

Ihr Satansbrut. Ihr Satanskinder. Immer in der 12! Immer in der 12! Deswegen fahre ich nicht mehr mit der 12. Die 14 ist in Ordnung. Aber die fährt hier nicht.

Da war ich gerade beim Satz "Ich achte alle Menschen hoch, die sich in der Sterbehospiz-Bewegung um Schwerkranke bemühen, so auch Uschi Glas."

Ich fand, dass die Stimme des Freaks auch ganz gut zu Max Goldt passen würde. Dazu muss natürlich angemerkt werden, dass ich wirklich keine Ahnung habe, wie Goldt klingt, ich kenne ihn nur gelesen - und das auch noch nicht so lang. Das andere Buch, das ich von ihm gelesen habe, war mind-boggling. Jedenfalls wäre der denkbare Unterschied zwischen den beiden Stimmen, dass bei Goldt die Überartikulation zwecks Ironisierung erfolgte, während der Sonderling todernst gemeinten Schwachsinn im Feuer pfeifender Konsonanten schürte. 

Jetzt muss ich es aber wissen: Wie klingt Max Goldt wirklich?  Mal schauen, ob YouTube etwas für mich hat...

Ja, das wird er sein.



Aber zurück zum Thema. Der Sonderling musste, genauso wie ich, an der nächsten Haltestelle aussteigen. Und als ob es nicht schon reichte, dass er sonderbar war, nein, er musste auch noch unbescheiden sein:

Können Sie mir mal 20 (!!!) Euro LEIHEN? Mark is' ja nicht mehr...


Das brüllte er mir oder auch den anderen vor ihm Flüchtenden hinterher, während ich mich bei Rot über die Straße beeilte, darüber fluchend, dass ich ausgerechnet heute Schuhe mit hohen Absätzen anhatte.

Montag, 18. April 2011

W.H. Auden: Funeral Blues

  Stop all the clocks, cut off the telephone,
Prevent the dog from barking with a juicy bone,
Silence the pianos and with muffled drum
Bring out the coffin, let the mourners come.

Let aeroplanes circle moaning overhead
Scribbling on the sky the message He is Dead.
Put crepe bows round the white necks of the public doves,
Let the traffic policemen wear black cotton gloves.

He was my North, my South, my East and West,
My working week and my Sunday rest,
My noon, my midnight, my talk, my song;
I thought that love would last forever: I was wrong.

The stars are not wanted now; put out every one,
Pack up the moon and dismantle the sun,
Pour away the ocean and sweep up the wood;
For nothing now can ever come to any good.

Montag, 7. März 2011

Rainer Maria Rilke: Der Panther

Sein Blick ist vom Vorübergehn der Stäbe

so müd geworden, dass er nichts mehr hält.

Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe

und hinter tausend Stäben keine Welt.



Der weiche Gang geschmeidig starker Schritte,

der sich im allerkleinsten Kreise dreht,

ist wie ein Tanz von Kraft um eine Mitte,

in der betäubt ein großer Wille steht.



Nur manchmal schiebt der Vorhang der Pupille

sich lautlos auf -. Dann geht ein Bild hinein,

geht durch der Glieder angespannte Stille -

und hört im Herzen auf zu sein.

Mittwoch, 2. März 2011

Texte in erlesener Premium-Qualität

Schreiben tun sie ja, aber besonders gut ist es nicht immer. Selbst die grundlegende Verständlichkeit, die Voraussetzung für erfolgreiche Kommunikation, kommt ihnen manchmal abhanden. Sie werden für das Anbiedern bezahlt, für das emotionale und ästhetische Überhöhen. Sie machen aus Objekten Fetische. Ob das Objekt einen tatsächlichen Gebrauchswert besitzt, ist völlig irrelevant. Es zählt nur, wie man es schafft, der Zielgruppe das Gefühl zu vermitteln, ein Leben ohne das Beworbene sei nicht erstrebenswert. Sie lösen die Probleme, die es erst gibt, seit die Produktmanager sie erfunden haben. Dieses Kreieren lernen sie, und wenn sie es können, dann können sie es auch ganz schön übertreiben. Die Rede ist von der Gilde der Werbetextenden, die mir vor kurzem ihre Tore geöffnet hat.

Studierende der Geisteswissenschaften durchlaufen zu Beginn ihrer Studikarriere eine Art Entzug. Sie müssen lernen die Wortgirlanden zu ignorieren, die überall um sie herum aufgehängt werden, ja oft genug auch in den heiligen akademischen Kreisen ihren faulen Zauber verbreiten. Haben sich die Geisteswissenschaftler einmal geöffnet, lernen sie, die Funktionalität des treffendsten Wortes zu schätzen, verlieben sich womöglich in die Kunst der Anschaulichkeit. Den Geisteswissenschaftlern in Spe wird nahegelegt, auf die Logik der Sprache zu vertrauen. Den besten Signifier für das Signified zu finden, statt mit viel Kitsch eine kosmetische Operation an Sätzen vorzunehmen. Was sollte es auch bringen, wenn die Aussage spannt und zieht und einen das Gekünstelte aus jeder Silbe anspringt?

GELD.

An dem Tag, an dem man beschließt, Werbetexter zu werden, wird alles anders. In der Werbung kommuniziert man nicht auf Augenhöhe, auch wenn genau das der Anspruch ist. Die Werbeleute und die Produktmanager gehen davon aus, dass die Empfänger der Werbebotschaften, mit Verlaub, ziemlich dumm sind. Doch habe ich Grund zur Annahme, dass auch den Textern vor lauter Kitsch vielzu oft die Logik abhanden kommt. Manchmal, weil sie es nicht besser wissen und manchmal, weil sie so schreiben, wie es der Produktmanager des Kunden möchte und wie es der Verkaufserfolg als Ziel diktiert. Ich dachte, Werbetexter seien Querdenker. Das mögen sie tatsächlich sein, doch diese Eigenschaft im Beruf ausleben, dürfen sie eher selten.

Jetzt heißt es: Herausfinden, wie man wirksame Werbetexte schreibt, ohne Floskeln, ohne Kitsch, ohne die Rezipienten für dumm zu verkaufen. Und trotzdem in genau jenem Sprachregister zu bleiben, das der Zielgruppe zusagt. Der Mühe ist es wert, denn auch in der Werbesprache ist "Niveau keine Handcreme und Stil nicht das Ende eines Besens".

Montag, 28. Februar 2011

salon noir des artistes

Die einen lassen sich im angenehmen Ambiente des Salon noir von den Öztürk-Schwestern sowie Jessica Lau verköstigen und von Stefan Wielands  Lichtinstallation erleuchten, die anderen suchen die Erleuchtung nebenan in den Ausstellungsräumen des Atelier Frankfurt. Irgendwann treffen sich alle im Hof zwischen diesen Stationen. Auch hier ist es schnell voll und heiß und ein Hauch Aufbruchstimmung hängt in der Luft. Austausch, Rausch, Plausch - alles ist dabei. Ein ungewöhnlicher Abend mit buntem Angebot und bunten Menschen. In jeder HInsicht inspirierend.


Es wird gefeiert, denn das Atelier Frankfurt wird noch facettenreicher. Salon noir des artistes ist als eine Plattform für den Austausch zwischen Künstlern und Gästen gedacht. Bis vor kurzem veranstaltete die Städelschule in den jetzigen Räumen  des Salon noir die "Freitagsküche" nach dem Berliner Konzept:  Kunststudenten oder andere Vertreter der Kunstszene bekochten hier das Publikum mit einem Drei-Gänge-Menü zu moderaten Preisen.


Das ATELIERFRANKURT ist ein gemeinnütziger Verein und bietet mit seinen 45 Ateliers eine multikulturelle, "internationale Plattform für Produktion und Präsentation von Kunst aller Disziplinen". Momentan laufen dort einige sehenswerte Ausstellungen. Am besten ist, ihr geht einfach mal vorbei und schaut euch das selber an. Hier sind aber schon ein paar Impressionen für euch, die ich im Rahmen der Salon noir des artistes-Eröffnungsgala am Freitag Abend (25.2.2011) eingefangen habe.






Ausstellung art sucks, Marcel Bühler / Berlin
25.02.2011 - 07.04.2011
Ausstellungsraum I im EG





Ausstellung Trespassing, Nathalie Grenzhaeuser
25.02.2011 - 07.04.2011
Ausstellungsraum II im 4.OG





Ausstellung It's terrible how wonderful it is, Shira Zelwer / Tel Aviv (Israel)
25.02.2011 - 07.04.2011
Ausstellungsräume im Keller







PS: Falls euch auffällt, dass ich ein Foto / Werk falsch zugeordnet habe, bitte melden!

Donnerstag, 3. Februar 2011

Alexander Montgomerie: A Description of Tyme (16th ct.)



Tak tyme in tym, or tyme will not be tane;
Thairfor tak tent how thou this tyme suld tak:
Sho hes no hold, to hold hir by, but ane;
A toppe befor, but beld behind hir bak.
Let thou her slippe, or slipperly grow slak,
Thou gettis no grippe agane fra sho be gane.
If thou wald speid, rememember what i spak;
Tak tyme in tyme or tym will not be tane.

For i haif hard in adagies of auld,
That tyme dois waist and weir all things away;
Then trow the taill that trew men oft hes tauld-
A turne in tyme is ay worth other tway.
Siklyk, I haif hard oft-tymis suith men say,
That negligence yit nevir furtherit nane;
Als, seindle tymis luck followes long delayis.
Tak tyme in tyme or tym will not be tane.

Montag, 31. Januar 2011

Per 'advertisia' ad astra

Der erste Monat meines sechsmonatigen Praktikums als Copy Writerin in einer Frankfurter Werbeagentur ist vorbei. Ich stelle feierlich fest: Das Agenturleben ist mein Alltag. Meine tapfere CD lässt mich mittlerweile an verschiedenen Kunden arbeiten.

Wenn ich zu Hause von meiner Arbeit erzähle, dann klingt es schon wie Jammern auf hohem Niveau: Der AD hat heute in Eigenregie die Headline geändert, der andere AD hat einen eigenartigen Geschmack, warum, um Gottes Willen,  erkennt der CD nicht mein Genie, und och Gott, diese Arter, was können die nicht alles mit einem anständigen Texterkonzept anrichten! Jaja... Und die Kunden erst! Diese Produktmanager, die sollen doch bitte erst einmal untereinander ausmachen, wie ihre Produkte denn so sind und welche der vielen non-USPs denn nun zu USPs auserkoren werden sollen, bevor uns jeder eine Korrektur der Korrektur der Korrektur der Korrektur schickt, in der die Korrekturen des vorhergehenden Korrektors korrigiert werden. Alles klar?

Ich habe ja schon immer geglaubt, dass frau mit Werbung die Weltherrschaft an sich reißen kann. Verzeihung, müsste ja aus meiner, weiblichen, Perspektive Weltfrauschaft heißen. Falls mich nicht unterwegs die Müdigkeit überfraut, berichte ich euch von diesem Weg.

PS: God is a woman. 


Sonntag, 23. Januar 2011

Von mIRC zu Ehe 2.0

Deutsch  für 'online'? - An der Leine.
Und deutsch für 'broadband'? - An der langen Leine.

So hat mein Erwachsenwerden angefangen: Online. Mein technik- und computerbegabter Bruder hat es mitten im Nachkriegsbosnien irgendwie hinbekommen, dass wir nicht nur einen richtigen, funktionierenden  Computer hatten, sondern auch einen Internetzugang. Dürstend nach der Welt außerhalb der bosnischen Grenzen - und die hatten teilweise nichts mit Geographie zu tun -, fing ich an zu chatten. Die Plattform nannte sich damalc mIRC. Wikipedia erklärte mir eben, dass es da mittlerweile die Version 7.1 gibt. Ich bin echt verwundert, dass noch irgendjemand mIRCt, denn ich bin nach meiner Ankunft in Deutschland gleich auf ICQ umgestiegen. Dann gab es studiVZ und dann natürlich die große Epidemie: facebook.

Chatten war eine wichtige Stufe meiner Entwicklung.  Ich lernte wichtige Abkürzungen kennen (asl pls waren die ersten); ich übte mich in Geduld in Zeiten von asap (da übe ich immer noch); ich erfuhr, dass Männer Schweine sind (ja gut, das hätte ich sicherlich auch ohne das Internet erfahren). So habe ich es aber in sehr komprimierter Form erfahren. Übrigens: Wer immer noch glaubt, dass nur Frauen bei ihrem Alter flunkern, ist so was von auf dem Holzweg! Ich habe, beispielsweise, als ich ca. 17 Jahre alt war, sehr oft mit einem Österreicher gechattet, der abgesehen davon, dass er mir schöne Gedichte schickte, trotz seiner 26 Jahre aussah wie mindestens mitte 40. Und das auf seinem besten Foto. Dass nur solche (eigenständig) an die Leine gehängt werden, dürfte bekannt sein. Das war nun also noch im letzten Jahrhundert. Dass es aber in diesem nicht anders ist, beweist die Tatsache, dass der Mann, den ich vor ein paar Monaten nach, ACHTUNG WICHTIG: 5-jähriger Beziehung geheiratet habe, als wir uns damals an der Leine kennenlernten 30 war, und heute 40 ist.
Man kann zu Drogen greifen, um die böse, betrügerische Welt an der Leine zu ertragen, normalerweise hilft aber auch schon ein Quantum Humor. So war es bei mir und Chris. Da wir beide schon ewig an der Leine unterwegs waren, und die dann auch noch immer länger wurde, war klar, dass wir zusammengehörten. Heutzutage schreibt er mir über sein iPhone kleine Liebesbotschaften auf die facebook wall, während ich mit Laptop auf dem Schoß seine facebook Fotos kommentiere. Wir nennen das liebevoll Ehe 2.0.

Sonntag, 16. Januar 2011

Silverchair - Freak (Live in Munich 1999)

Freitag, 14. Januar 2011

Vom Praktizieren hirnischen Stürmens...

Dieses Jahr hat bei mir mit einem neuen Job bzw. Praktikum angefangen. In einer Werbeagentur. Es fing, wie es so üblich ist, mit einer Bewerbung an - ganz ohne Vitamin B. Es fing also mit einer Bewerbung an, die schrie: Ich will Textpraktikantin werden und zwar SOFORT! Das Anschreiben - ein Gedicht, ein paar Bilder und, so glaube ich, ganz viel Wortwitz. Noch 10 Seiten Arbeitsproben - kreative Ergüsse aus Unizeiten und Freizeit. Nichts Veröffentlichtes. Zwei oder drei Tage später hatte ich dann einen verpassten Anruf auf meinem Handy. Frankfurter Festnetznummer, keine Mailboxnachricht. Mein Rückruf war erfolglos. Dieses Szenario wiederholt sich einige Tage. Ich hatte inzwischen recherchiert, zu wem die Nummer gehörte. Und dann irgendwann bei einem Rückruf nach verpasstem Anruf: tatsächlich eine Stimme. Woo-hoo! Und am darauffolgenden Tag: ein Vorstellungsgespräch! Woo-hoo-hoo! Und zwei Wochen später: Mein erster Tag in einer richtigen Werbeagentur. Woo-hoo-hoo-hoo-haiiiiiiiiiaaaaa. Und ich hatte schon gedacht, dieser Tag würde nie kommen, ich würde in meinem Call-Center-Job für immer jedes Mal nur vor mich hin träumen müssen, wenn ich eine der Werbeagenturen dran hatte. 

But now "dreams are my reality..."

Jetzt bin ich seit zwei Wochen Textpraktikantin. Ich durfte vom ersten Tag an bei allem dabeisein. Ich bin ein Teil des Teams. Zunächst einmal bekam ich aber jedemenge Lesestoff: Kataloge und Broschüren, die für einen der größten Kunden der Agentur gemacht wurden. Es ist ein Bereich, für den ich mich nie interessiert habe, den ich vielmehr verabscheungswürdig finde. Die ultimative Probe, kannst du texten oder nicht? Wenn ich es bei diesem Kunden kann, dann KANN ICH ES!

Ich finde meine Jobs ín Ordnern, die als 'Kreation' gekennzeichnet sind. Ich werde nach meinen Ideen gefragt. Meine Ideen werden ernst genommen, angenommen und finden ihren Weg in die Texte. Endlich kann ich auch beim professionellen Hirnstürmen mitmachen. Wahnsinn - das gilt auch als Arbeit. Ich denke nach und spreche aus, was mir durch den Kopf geht. Ich feile an Texten herum, suche nach dem besten, passendsten Wort. Und das gilt auch als Arbeit. Meine Arbeit. Ich habe immer noch nicht so richtig begriffen, dass ich nun wirklich eine Erwerbstätigkeit ausübe, die mir SPASS macht! Das ändert alles. Das ändert mich. Scheiße, ich glaube, jetzt gibt es wirklich keinen Bereich mehr in meinem Leben, in dem ich nicht zufrieden bin. Ich glaube, hier ist ein Dank ans Leben angebracht, also:

Danke, Leben!